SPD Kallstadt

Der SPD -Ortsverein wird 50 Jahre alt

Rede von Theodor Seidl am 5.10.1996

Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren!
Ich freue mich außerordentlich Ihnen etwas über die Geschichte unseres Ortsvereins erzählen zu dürfen. Wir feiern heute unser 50-jähriges Jubiläum, was uns natürlich mit Stolz und Freude erfüllt und ich hoffe, Sie feiern gerne mit uns.

Unser Motto lautet: 1946 - 50 Jahre aktiv - 1996.

50 Jahre aktiv, was bedeutet das? Ist ein Mensch 50 Jahre alt, so wird er von der Jugend liebevoll als "Grufti" bezeichnet, was sich natürlich relativiert, wenn man selbst auf die 50 zugeht oder schon darüber ist. Ist ein Ortsverein der SPD 50 Jahre alt, so ist er, gemessen an der 133-jährigen Geschichte der SPD ein "junger Spund". Wie Sie ja wissen, wurde 1863 durch Ferdinand Lasalle in Leipzig der "Allgemeine Deutsche Arbeiterverein" gegründet, was die Geburt der deutschen Sozialdemokratie war. Aktiv bedeutet das aber auch, dass wir 50 Jahre aktiv an der Gestaltung unseres Ortes zum Wohle aller unserer Bürger beigetragen haben. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg (1945 - 1956) verantwortlich, später mit kreativen Initiativen und Ideen, von denen so manche auch umgesetzt wurde.

In unseren Reihen hatten wir aber auch Persönlichkeiten, die nicht nur auf kommunaler Ebene arbeiteten, sondern die sowohl im Kreistag als auch im Landtag aktiv politische Verantwortung getragen haben, wie Herr Ernst Köhler (12 Jahre Kreistag und 4 Jahre Landtag), Herr Richard Schuster (14 Jahre Kreistag) und Herr Joseph Buck (5 Jahre Kreistag).

50 Jahre bedeuten aber auch Hochs und Tiefs in der Arbeit innerhalb unseres Ortsvereins. Wie immer werden solche Strömungen oft durch die Mitglieder selbst gestaltet, die aktiv an der Gemeindepolitik und im Ortsverein mitwirken. An dieser Stelle möchte ich an Sie appellieren, die noch keinen Mut hatten oder auch keine Zeit, engagieren Sie sich, denn, und das ist meine persönliche Meinung, nur wer Verantwortung trägt oder sich selbst einbringt, kann Änderungen herbeiführen. Das gilt natürlich für alle politischen Parteien und innerhalb aller Vereine. Aktiv sein hängt nicht von Alter ab, es ist eine persönliche Einstellung.

Als mir die Aufgabe übertragen wurde, Ihnen etwas über die Geschichte unseres Ortsvereins zu erzählen, stellten sich mir sofort zwei Fragen. Die erste war: Was ist mit der Gegenwart, was ist mit der Zukunft? Die zweite war: Soll ich eine möglichst detaillierte, chronologische Liste aller Gemeindewahlen und deren Sitzverteilungen, alle Niederschriften usw. vorlesen, was ja auf eine intensive Nachforschung schließen lässt, oder sollte ich unsere Entwicklung im Kontext der Entwicklung innerhalb Deutschlands, was Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit betrifft stellen, ohne jedoch unsere Verdienten und Verdienste zu vergessen. Ich habe mich für die unkonventionelle zweite Lösung entschieden und hoffe bei Ihnen damit Anklang zu finden. Für die Chronisten unter Ihnen habe ich hier noch eine Kiste mit Auszügen aus Wahlergebnissen usw. der letzten 50 Jahre. Geholfen haben mir unser Ortsvereinsvorsitzender Herr Klippel, der sich in mühevoller Arbeit durch die verschiedenen Zurückliegende gekämpft und da so manchen Schatz gefunden hat, Gespräche mit Herrn Walter Burre und eine sehr interessante Runde mit Männern der 1. Stunde, wie Franz Strack, den dieses Jahr verstorbenen Richard Schuster und Hans Trump. Geholfen hat mir auch meine Frau mit dem lapidaren Satz: "Das schaffst du schon!"

Beginnen will ich (etwas ungewöhnlich, mag sein) mit der Zukunft.

Ich finde, dass es gerade bei einer solchen Gelegenheit gut ist, einmal in sich zu gehen und sich mit Themen zu beschäftigen, die uns vielleicht jetzt gerade nicht unter den Nägeln brennen, aber uns in Zukunft wohl direkt oder indirekt betreffen könnten. Wir stehen am Aufbruch in das 21. Jahrhundert. Die "goldenen Zeiten" des Wirtschaftswunders sind vorbei und überall wird gespart. Das soziale Netz in Deutschland wird immer mehr durchlöchert, was ganz deutlich aus dem Beschluss, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall um 20% zu kürzen, hervorgeht. Die Renten sind nicht mehr sicher, was auch darauf zurückzuführen ist, dass 12% unserer Bevölkerung über 65 Jahre alt ist, weil viel zu wenig Sozialmaßnahmen zur Unterstützung junger Familien und arbeitstätiger Frauen in die Wege geleitet wurden. Der Generationenvertrag wird somit immer schwieriger. Hohe dauerhafte Arbeitslosigkeit, besonders bei den Jugendlichen, ist schon zur Normalität geworden und führt zu großer Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung, was den sozialen und politischen Frieden extrem stört, zu Ausländerhass führt und unsere Demokratie durch den raschen Aufstieg radikaler Gruppierungen gefährdet.

Der Standort Deutschland ist durch multinational agierende Konzerne in Frage gestellt. Billige Arbeitskraft können so in jedem Winkel der Erde beschafft werden. Staaten, die bestimmte Technologien verbieten (Beispiel Bio- oder Gentechnologie) oder Gemeinden, die den Bau einer Fabrik ablehnen, stören solche Firmen nicht. Solche "Multis" sind nur ihren Geldgebern und Aktionären verpflichtet und zeigen wenig bis keine soziale oder regionale Verantwortung.

Während wir auf das 21. Jahrhundert zusteuern entdecken wir, dass wir immer mehr von solchen Kräften beeinflusst werden. Die Rolle des Nationalstaates, der Institution, der sich die Menschen durch Kultur, Sprache, Arbeit, Schutz und Sicherheit verbunden fühlen, verliert an Bedeutung. Gefahren für unsere natürliche Umwelt zeichnen sich ab, durch Vernichtung der Regenwälder, die steigende Verschmutzung und Erwärmung der Erdatmosphäre, die sich nicht nur lokal in den jeweiligen Ländern oder Städten bemerkbar macht. Es könnten z.B. durch den Anstieg des Meeresspiegels Teile der Erde überschwemmt werden, was an den Küstenregionen verheerende Folgen hätte. Durch Erosion bedingt werden große Überschwemmungen ausgelöst und die Erde in vielen Teilen der Welt durch die Erwärmung und Abholzung in unbrauchbare Steppe verwandelt. Der Einsatz von Biotechnologie (die Verlagerung der Nahrungsproduktion in Fabriken), auch wenn diese Technologie noch in den "Kinderschuhen" steckt und der Einsatz von Robotern in der Fabrikfertigung könnte den massenweisen Verlust von Arbeitsplätzen sowohl in der Landwirtschaft, wie auch in der Industrie bedeuten.

Das größte Problem ist wohl eine noch nie da gewesene Bevölkerungsexplosion in den Entwicklungsländern. Nach vorsichtigen Schätzungen werden im Jahre 2025 8,5 Milliarden Menschen, davon allein 6,5 Milliarden in den Entwicklungsländern, unsere Erde bevölkern. Zur Zeit haben wir ungefähr "nur" 5 Milliarden Menschen. Daraus resultieren Völkerwanderungen in noch nie dagewesenem Ausmaß an die Fleischtöpfe der Welt. Extreme Spannungen der Völker untereinander sind damit verbunden. Die betroffenen Staaten müssen starke Anstrengungen unternehmen (sofern dies überhaupt hilft) ihre Grenzen zu kontrollieren. Es ist unvorstellbar, dass die Erde 10 Milliarden Menschen aushalten könnte, die Ressourcen in dem Maße konsumieren, wie wir sie gewohnt sind. Schon vorher würden irreparable Schäden an der Umwelt entstanden sein. Was tun bei soviel Problemen? Geht uns das was an? Uns geht's doch gut! Warum erzählt er das, wo doch heute gefeiert werden soll?

Zuerst sei einmal zur Beruhigung gesagt, dass Deutschland, Japan, Schweiz und Korea eine der wenigen Nationen sind, die gut für das 21. Jahrhundert vorbereitet erscheinen, wie aus dem Buch "In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert" von Paul Kennedy hervorgeht. Ich habe dieses Buch mit großen Interesse und Sorge gelesen und etliche Passagen daraus übernommen. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns nun gemütlich in unseren Sessel zurückfallen lassen können und denken: "Was kümmern mich die anderen". Ich zitiere: "Selbst technologisch besser vorbereitete Länder stehen gewaltigen Schwierigkeiten gegenüber, wenn es darum geht, mit den Aufgabe fertig zu werden wie: Absinkende Geburtenraten, unausgewogene Bevölkerungsstrukturen, globale Erwärmung, explodierender Bevölkerungszuwachs in den Entwicklungsländern, unberechenbare Finanzspekulationen und landwirtschaftliche Gemeinden vor dem Absterben zu retten, usw." Die Tatsache, dass diese Länder große Geldreserven haben und neue Fertigungsstätten und ausgezeichnete Bildungssysteme besitzen, eine gutausgebildete Arbeitnehmerschaft und kulturelle Solidarität haben, ist ein großer Vorteil, aber ob es genügen wird?

Wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen, ob wir wollen oder nicht, mit Augenmaß und unter Berücksichtigung sozialer Aspekte. Einer der wichtigsten Punkte dabei ist die gute Erziehung unserer Kinder, was eine Planung und Zusammenarbeit zwischen Schulen, Unternehmen und Regierung voraussetzt. Es muss unseren Kindern und uns selbst klargemacht werden, dass Lernen und Streben unser aller Kapital ist. Weiter ist eine umfangreichere Mitarbeit der Frauen in der Politik bestimmt gut für unser Land. Um aber unsere Bevölkerungsstruktur zu Gunsten von mehr Kindern zu verschieben, müssen soziale Maßnahmen wie bezahlter Mutter-, Vaterschaftsurlaub, Kinderversorgung, genügend Kindergärten und angemessene Wohnungsversorgung gewährleistet sein. In Schweden scheint man mit der konsequenten Durchführung solcher Maßnahmen Erfolg zu haben, da nach Jahrzehnten einer Geburtenrate von 1,6 wieder eine Geburtenrate von 2,1 erzielt wurde. Was eine optimale Zahl ist.

Sie sehen, es gibt viel zu tun in der Zukunft. Ich glaube, dass es in der SPD viele Frauen und Männer gibt, die diesen Herausforderungen mit Ideen, Durchsetzungswillen und sozialen Weitblick entgegentreten, zu unserer aller Wohl. Aber nicht nur die Regierung und die Parteien sind gefordert. Jedes Bundesland, jede Verbandsgemeinde und jeder Ortsverein kann und muss einen Beitrag dazu liefern.

Doch nun nach soviel anstrengender Zukunft zurück zur Gegenwart.

Zunächst einmal möchte ich feststellen, daß Kallstadt ein wunderbarer Platz zum Leben ist und dass einem viel Sympathie, ja sogar Freundschaft entgegengebracht wird, wenn man den Willen zur Integration besitzt und sich in Vereinen engagiert und das kann ich als "Roigrutschter"vielleicht besser beurteilen, als diejenigen die das Glück haben, hier aufgewachsen zu sein. Natürlich stellen sich für einen SPD-Ortsverein in einem Weinbaugebiet Aufgaben, die ein Ortsverein in Ludwigshafen nicht hat und umgekehrt. Wir sind uns dessen wohl bewusst. Wir sind ein kleiner Ortsverein, der sich in Größe und Zusammensetzung nicht groß von anderen Ortsvereinen vergleichbarer Orte unterscheidet. Doch es hat sich in letzter Zeit eine engagierte Gruppe um unseren Ortvereinsvorsitzenden Herrn Rudolf Klippel gebildet, was natürlich nicht heißt, dass wir nicht für jeden neuen Mitstreiter froh sind. An dieser Stelle möchte ich Herrn Rudolf Klippel im Namen unserer Mitglieder sehr herzlich danken, dass er mit so viel Einsatz und Ideen unseren Ortsverein leitet. Schon allein die Organisation eines solchen Jubiläums ist für einen kleinen Ortsverein eine Menge Arbeit, die von wenigen erledigt werden muss. Unser SPD-Stammtisch und die Mitgliederversammlungen werden regelmäßig abgehalten, leider mit unterschiedlichem Zuspruch. Seit 4 Jahren haben wir am Erlebnistag Deutsche Weinstraße im schönen Winzerhof Henninger-Allbach geöffnet. Man kann uns ganz gut an unseren Schildern, Fähnchen und Luftballons erkennen. Wir verstecken uns nicht. Weiterhin haben wir seit zwei Jahren am Vorabend des Erlebnistages Deutsche Weinstraße unseren "Funzelowend", der sich in diesen 2 Jahren schon zu einem beliebten Treffpunkt unserer Mitbürger entwickelt hat. Zu diesen beiden Festen lade ich alle noch einmal herzlich ein. Nächstes Jahr planen wir einen Ausflug mit dem Bus, an dem sich natürlich auch andere Ortsvereine beteiligen können. Zur Feier unseres 50-jährigen Bestehens haben wir für den Platz am Löwenbrunnen eine Bank gestiftet.

Im Gemeinderat sind wir seit 1994 mit 4 Personen vertreten. Dies sind Romy Feuerbach, Cornelia Seidl, Gerd Otto und Rainer Baumer. Sie sehen schon, dass wir die 1988 in Münster beschlossene Gleichstellung der Frauen bei der Besetzung von Ämtern und Mandaten (besser bekannt unter den Stichwort "Frauenquote") schon durchgeführt haben. Dies zeigt auch schon die Zusammensetzung des Gemeinderates von 1989, wo zum erstenmal drei SPD-Frauen (Romy Feuerbach, Gabriele Schumann, Cornelia Seidl) im Gemeinderat vertreten waren. Dass wir nur 4 Sitze haben, ist aber auch auf das Kommunalwahlrecht zurückzuführen, das den Passus enthält, dass die "Partei" mit der absoluten Mehrheit, auch wenn sie klein ist, die absolute Mehrheit im Gemeinderat haben muss. Dieser Passus soll den Wählerwillen, was auch unzweifelhaft richtig ist, klarer hervorheben. Unsere Gemeinderäte zeichnen sich durch ein hohes Maß an konstruktiver Mitarbeit aus. Dies ist wichtig, da es auf kommunaler Ebene oft um Sachentscheidungen geht, deren Notwendigkeit in vielen Fällen nicht zur Debatte steht. Das Ringen erfolgt viel mehr auf den Ebenen, Wichtigkeit für unsere Bürger, kostengünstige Finanzierung, bei immer knapper werdenden Mittel und Durchführungszeitpunkt. Natürlich haben Gemeinderatsmitgleider der SPD in all den 50 Jahren hervorragende Arbeit geleistet, dafür sei ihnen von Herzen gedankt.

Leider muss aber auch festgestellt werden, dass die Anzahl der Gemeinderatsmitglieder von 1968/1974 bei gleicher Gemeinderatsgröße von 7 Mitglieder auf 4 zurückgegangen ist. Vielleicht gelingt es uns nicht ausreichend genug, die schon im Godesberger Programm von 1959 festgelegten Grundzüge unserer Partei, die in mir sehr stark verwurzelt sind, unseren Bürgern transparent zu machen.

Anderseits ist aber auch zu erkennen, dass in der Regierungszeit unserer beiden Kanzler 1969 -1974 mit Willy Brandt, 1974 - 1982 mit Helmut Schmidt auch in Kallstadt eine mit 7 Sitzen hohe Beteiligung im Gemeinderat zu erkennen ist. Wenn wir von Willy Brandt und Helmut Schmidt reden, meinen wir zwei hervorragende Männer, deren Politik als sozialdemokratische Kanzler als Beispiel für ein modernes Deutschland, für Reformen und neue Wege in der Friedenssicherung und Entspannung weltweit als Vorbild anerkannt sind. Unser Ortsverein ist zur Zeit in unserem Bundesland eingebettet in ein Umfeld sozialdemokratischen Regierens. Sei es auf der Ebene der Landesregierung, im Kreistag und in der Verbandgemeinde. Wir als die SPD-Ortsvereine sehen uns als die Basis sozialdemokratischer Arbeit an und sorgen dafür, dass die politische Landschaft auch so bleibt oder noch besser wird.

An dieser Stelle möchte ich auch allen Vorsitzenden unseres SPD-Ortsvereins meinen herzlichen Dank aussprechen für ihre hervorragende Arbeit und Leitung.

Sie sehen also, dass wir 50 Jahre in den unterschiedlichen politischen Gremien und auf Ortsvereinsebene immer präsent waren.

Gehen wir nun in die Vergangenheit.

Bei einer solchen Feier kann man natürlich auch auf die erbrachten Leistungen stolz sein. An einem selbst erlebten Beispiel möchte ich dies erläutern. Dazu gehen wir in der Geschichte von der Gegenwart so ungefähr 12-14 Jahre zurück. Wir waren damals eine junge Familie und unser Sohn war schon alt genug, um in den Kindergarten zu kommen. Leider gab es in Kallstadt keinen Kindergarten und so musste er nach Ungstein. Da es aber nicht nur uns, sondern auch vielen anderen jungen Familien in Kallstadt so ging, stellte sich immer dringender die Forderung nach einem eigenen Kindergarten. Es ist natürlich viel besser, wenn Kinder eines Ortes in einem Kindergarten zusammen aufwachsen. Sie lernen sich so früher kennen und verstehen. Zuerst musste aber festgestellt werden, ob genügend Kinder in Kallstadt einen Kindergartenplatz benötigen und in Zukunft auch benötigen werden, damit ein solches Projekt auch "Hand und Fuß" hat. Unserer Idee kam noch die Tatsache zugute, dass im Mosenborn ein Neubaugebiet ausgewiesen war. Damit konnte auch für unsere Neubürger, die oft ja auch junge Familien waren, ein Kindergartenplatz zur Verfügung gestellt werden. Langer Rede, kurzer Sinn. In Zusammenarbeit mit der Verbandsgemeinde, damals mit seinem Verbandsbürgermeister Gottfried Nisselmüller, der heute auch unter uns weilt, wurde beschlossen, diesen Kindergarten als einzügigen Kindergarten neben unserer Schule zu bauen. Heute ist es ein zweizügiger, oder bei Bedarf dreizügiger Kindergarten. Daraus ist schon zu sehen, wie notwendig dieser Kindergarten war. Dieses Ereignis gab für mich persönlich den Ausschlag, dem SPD-Ortsverein beizutreten. Das haben Sie jetzt davon! Mit einer weiteren Initiative von Herrn Walter Burré konnte der Kindergarten, vor 2 Jahren durch einen großzügigen Kinderspielplatz sehr kostengünstig erweitert werden.

Wie es oft in einem Ortsverein ist, gibt es unter den vielen aktiven Mitgliedern einen, der eine Sonderstellung einnimmt. Bei uns ist dies unser hochverehrter Herr Ernst Köhler. Herr Ernst Köhler war Bürgermeister von Kallstadt von 1947 - 1956, Kreistagsabgeordneter von 1948 - 1960 und Landtagsabgeordneter von 1951 - 1956. Herr Ernst Köhler wurde schon 1945 von der französischen Besatzungsmacht kommissarisch als Bürgermeister eingesetzt. Er war also der Mann der 1. Stunde. Um seine Arbeit zu würdigen, möchte ich ein Schreiben vom Landrat Unckrich von 11. Januar 1957 zitieren. "Auf Grund, der am 24.11.56 stattgefundenen Bürgermeisterwahl sind Sie aus Ihrem Amt als ehrenamtlicher Bürgermeister ausgeschieden. Sie haben dieses Amt seit 1945 mit einem hohen Maß am Verantwortung und Umsicht innegehabt und dürfen darauf stolz sein, an dem Wiederaufbau der Gemeindeverwaltung nach dem Krieg tatkräftig mitgewirkt zu haben. Schließlich wurden an Sie hohe Anforderungen gestellt, wenn man die Förderung des Straßenbaues (Kanalisation), Energieversorgungsanlagen und des Wohnungsbau, die Behebung und Milderung der Wohnungsnot und die Unterbringung der Flüchtlinge denkt. Sie haben diese Probleme in den Jahren Ihrer Tätigkeit als Bürgermeister zum Wohle der Gemeindebürger nach besten Kräften in Angriff genommen und dafür wird Ihnen hiermit die volle Anerkennung und der Dank der Aufsichtsbehörde für die gute Zusammenarbeit ausgesprochen.

gez. Unckrich

Sie sehen daran, dass Herr Ernst Köhler seiner Zeit weit voraus war und schon damals Kallstadt den Ruf einer modernen Winzergemeinde erworben hat. Weiterhin war er der Initiator für den Bau unserer Grundschule.

"Wir kommen wieder!"

Mit diesem trotzigen Versprechen soll der ehemalige SPD-Bezirkssekretär Franz Bögner den SA-Leuten gewichen sein, die am 10.3.1933, knapp 5 Wochen nach der Machtergreifung, das Verlagsgebäude der Pfälzischen Post in Ludwigshafen besetzten. Bögner hatte damals offensichtlich die Ansicht in der Arbeiterbewegung geteilt, dass der ganze "Nazispuk" bald vorüber sein würde. Bögner und die anderen täuschten sich. Doch nach mehr als 12 Jahren, von dem allen bisherigen Erfahrungs- und Vorstellungshorizont übersteigenden Grauens der Naziherrschaft und des Krieges, aus KZ- oder Kriegsgefangenschaft entlassen, von den Härten des Zusammenbruchs gezeichnet, hatte sich ein bemerkenswert großer Teil der früheren Parteimitglieder eine innere Bindung an ihre Idee bewahrt. Kurt Schumacher war es, der in Hannover am 6. Mai 1945 die Wiederbegründung der SPD ausrief. Um den Willen zu zeigen, die Wiederbegründung nach dem 2. Weltkrieg voranzutreiben, möchte ich ein paar Zahlen nennen. Am 30. September 1946 zählte die SPD in den drei Westzonen und in Berlin 633244 Mitglieder. Ende 1946 bestanden in den Westzonen über 8000 sozialdemokratische Ortsvereine, fast 3000 mehr als 1931 in diesem Raum. Auch die Sozialdemokraten in Kallstadt waren Willens, sich neu zu organisieren. In Kallstadt wurde dieser Neuanfang am 24. Mai 1946 im Lokal des Winzervereins durchgeführt.

Um ihnen einen Eindruck von der Gründungsversammlung zu geben, zitiere ich die Rheinpfalz vom 1. Juni 1946.

"Gründungsnotiz: Der Ortsverein KALLSTADT der SPD wurde in überaus gut besuchter Mitglieder- und Anhängerversammlung gegründet. Der Gründungsredner stellte die konkreten sozialistischen Wirtschafts- und Währungsforderungen heraus, die von allen schaffenden Ständen verstanden und begrüßt werden. Deutschland werde ein Bauernland werden. Durch die dem alten sozialdemokratischen Agrarprogramm entsprechende Bodenreform wurden bereits viele Tausende von Neubauernstellen geschaffen. Da wir auf kleinerem Raum zusammengedrängt leben müssen, müssen wir darauf mehr erzeugen. Der fortschrittliche Bauer und Arbeiter haben gemeinsame Wege und Ziele. Der zu beseitigende Kapitalismus liege außerhalb des Interessenkreises der schaffenden Arbeiter, Bauern, Handwerker, Gewerbetreibenden, Beamten und Angestellten, zwischen denen der Kapitalismus immer Misstrauen und Gegensätze erzeugt, um herrschen und im Trüben fischen zu können. Heute tobe sich der kapitalistische Geist letztmals im Schwarzhandel aus." Zum Vorsitzenden wurde Genosse PLETSCHER gewählt.

Und so hat alles angefangen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend und dem Fest einen guten Verlauf.

gez. Theodor Seidl

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